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Lindener Berg

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Rund um den Lindener Berg

Der sogenannte Lindener Berg ist eigentlich nur ein Hügel, da er höchstens 150 Fuß über der Fläche des Ihmestroms liegt; aber wir Hannoveraner haben keine größere Anhöhe in unserer Nähe, und geben ihm den Namen eines Berges um so lieber, da er in mehr als einer Rücksicht merkwürdiger ist, als mancher seiner höheren Brüder.“  

So zu lesen am 5ten August 1803 in Neues Hannöverisches Magazin.

Eigentlich nur ein Hügel und dennoch mehr als mancher „richtige“ Berg: mehr Lob – und das auch noch vom anderen Ufer der Ihme – geht gar nicht. Wegen seiner atemberaubenden Aussichten in alle Himmelrichtungen war der Lindener Berg zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Ausflugsziel.

Der unverstellte Blick auf die Stadt Hannover war bereits 150 Jahre zuvor von Conrad Buna nach einer Vorlage von Caspar Merian 1654 gestochen scharf für die Nachwelt festgehalten worden. Wenige Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges wirkt alles friedlich und idyllisch. Aus dem Wartturm der hannoverschen Landwehr wurde kurz nach Kriegsende eine moderne Windmühle mit drehbarem Oberteil (Kappe). Wie sich die Aussicht vom Berge im Laufe der Jahrhunderte veränderte, zeigen die Bilder aus den Jahren 1654, 1840, um 1900, 1941 und 2007.

Aussichten vom Lindener Berg

Bildergalerie Blick vom Lindener Berg: 1. Stich von C. Buna nach einer Zeichnung von C. Merian, 1654 / 2. Stich von L. Hofmeister nach einer Zeichnung von G. Osterwald, 1840 / 3. Blick vom Wasserhochbehälter, um 1900/ 4. Blick auf Industrielandschaft Linden, 1941 / 5. Foto W. Engel, 2007

Auch die Sicht auf den Lindener Berg hat sich natürlich im Laufe der Zeit erheblich verändert. „Am schönsten zeigt er sich in der Gegend vorm Eintritt in die Herrenhäuser Allee…“ heißt es noch 1803. „Eine andere schöne Ansicht gewährt er von der Südseite, wenn man nemlich vom Schnellen Graben am Leineufer der Stadt entgegen geht…“.  Also gab es 1803 noch einen relativ freien Blick auf den Berg. Diesen hat man heute nur noch von höherer Warte, zum Beispiel oben vom Ihme-Zentrum. Von dort aus ist gut zu erkennen, wie sich der alte Kern des Dorfes Linden an den Berg schmiegt – oder wie der Autor 1803 wunderschön schreibt: „… wo sich das Dorf Linden amphitheatralisch an demselben hinauf zieht.“

Sicht auf den Lindener Berg

Bildergalerie Blick auf den Lindener Berg: 1./2. Blick vom Ihme-Zentrum auf den Lindener Berg, Juli 2007, Fotos © W. Engel /3. Blick von der Martinskirche auf den Lindener Berg, Ansichtskarte 1903, Sammlung Engel/Franke / 4. Blick von der Martinskirche auf den Lindener Berg, kolorierte Ansichtskarte um 1905, Quelle Wikipedia / 4. Blick von der Martinskirche auf den Schulkomplex Am Lindener Berge, Foto © W. Engel

Der Lindener Berg ist heute für viele Menschen in Hannover ein Ort der Erholung, Entspannung und Kultur. Ein Spaziergang über den Bergfriedhof oder durch die Kleingärten, der Besuch des Scilla-Blütenfestes oder des Weihnachtsmarkts, ein geselliger Sommerabend an der Mühle, die Aussichten vom Wasserhochbehälter in Richtung Stadt oder Deister, Sport im Stadion, Konzerte im Jazz-Club oder Theaterabende im Mittwochtheater, eine Ausstellung oder ein Vortrag im Küchengartenpavillon: all das weckt positive Gefühle und trägt zur Lebensqualität im Stadtteil bei.

Ganz gleich, mit welchen Zeiträumen und Aspekten Lindener Geschichte man sich befasst, man landet irgendwann fast immer auf dem Lindener Berg. In der Literatur und den Beiträgen im Netz über den Lindener Berg wird man zu den Stichwörtern Krieg und Frieden, Dorfentwicklung, Landwirtschaft, Rohstoffabbau, Industrialisierung, Wasserversorgung, Vereinswesen, Bestattungswesen, Architektur, Villenvorort, Gastronomie, Naherholung, Naturschutz usw. schnell fündig.

Zentrale Anlaufstelle für die Beschäftigung mit der Geschichte rund um den Lindener Berg ist der Küchengarten-Pavillon, der Sitz des Vereins Quartier e.V., Für einen ersten Überblick gibt es dort einen Flyer zu „Mixtour. Den Lindener Berg entdecken“.

Über 100 Jahre Lindener Schulgeschichte Am Lindener Berge

Ein Thema wird allerdings fast ausnahmslos in allen Beiträgen immer nur mit ein, zwei Sätzen abgehandelt. Zur Lindener Schulgeschichte lässt sich weitaus mehr sagen als der Hinweis, dass der Architekt der Mittelschule Georg Fröhlich heißt und dass die 1971 gegründete IGS Linden die erste Integrierte Gesamtschule in Hannover war. Die Realschule am Lindener Berge und die Pestalozzischule werden unterschlagen.

Bildergalerie Mittelschule III: 1. Künstler-Karte Mittelschule III Hannover-Linden, 1937, Sammlung Bohne / 2. Turnergruppe Knaben-Mittelschule III, 1935, Sammlung Bohne / 3. Kollegium Knaben-Mittelschule III, 1941, Sammlung Bohne / 4. Schulentlassung Knaben-Mittelschule III, 1947, Sammlung Bohne / 5. Klassentreffen Knaben-Mittelschule III, 1987, Sammlung Bohne

Dabei ist allein schon die Auseinandersetzung um die Mittelschulen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein großes, spannendes Thema. Als der Neubau der seit 1894 bestehenden Städtische Mittelschule 1906 auf dem Lindener Berge eingeweiht wurde, war Linden als Stadt gerade mal zwei Jahrzehnte eigenständig. Die Bevölkerung wuchs in den ersten zehn Jahren des 20. Jahrhundert von 50 000 auf 75 000. Die Proteste des Lindener Lehrervereins gegen die Mittelschule als Schulform gipfelte 1905 in einem Schreiben an den Magistrat Hannovers in der Behauptung:  „Das Maß von Schulpflege, das Deutschland der Masse seines Volkes zukommen läßt, entscheidet über die wirtschaftliche und -militärische Überlegenheit und Rückständigkeit unter den Völkern. Daher ist es eine eminent nationale Pflicht der Städte, alles zu tun, die Volksschule, in der doch nun einmal der größte Teil unseres Volkes, der unsere wirtschaftlichen und kriegerischen Siege wesentlich miterkämpfen muß, seine Ausbildung empfängt, zu heben, und alles zu beseitigen, was der gedeihlichen Entwicklung der Volksschule hindernd in den Weg tritt. Ein solches Hindernis für die Fortentwicklung unserer hiesigen Bürgerschulen sehen wir in der Gründung von Mittelschulen.“ [1]

Zehn Jahre später befand sich Deutschland mitten im Ersten Weltkrieg. Über ihre Schulzeit auf dem Lindener Berge während des Zweiten Weltkriegs können nur noch wenige Schülerinnen und Schüler der ehemaligen Mittelschule berichten.

Ende der 1960er Jahre kam erneut Bewegung in die schulpolitische Diskussion. Es ging um mehr Chancengerechtigkeit für Kinder aus weniger privilegierten Schichten. Dass 1971 die erste Integrierte Gesamtschule (IGS) Hannovers gerade im Stadtteil Linden gegründet wurde, ist kein Zufall. Der Elternwunsch nach einer Ganztagsschule wurde hier besonders druckvoll vorgetragen, von den über 600 Anmeldungen konnten nur 240 berücksichtigt werden. Der erste Jahrgang wurde als Gast in den Räumen der Pestalozzischule aufgenommen, die weitere Raumplanung war zu dem Zeitpunkt offen. [2] Die Raumprobleme sind auch ein halbes Jahrhundert später immer noch nicht gelöst.

Bildergalerie IGS Linden: 1. Großgruppenunterricht in der Pausenhalle, 1972, Quelle unbekannt / 2. Zirkuszelt, Schulhof, Hauptgebäude, 2007, Foto © W. Engel / 3. Bild „IGS Hannover-Linden“ von Alrun Bültemann, 2010, / 4.Verbindung Hauptgebäude – „Kleines Haus“ (Mittelschule III), 2007, Foto © W. Engel / 5. Hauptgebäude IGS Linden, Foto © W. Engel

Die ersten Schülerinnen und Schüler dieser anfangs politisch vehement bekämpften, aber auch leidenschaftlich verteidigten Schulform stehen kurz vor der Rente. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse auf dem Lindener Berge sollten nicht verloren gehen und hier im Digitalen Stadtteilarchiv nach und nach dokumentiert werden.

(WE)

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[1] zitiert nach Dieckmann, Klaus, Integrierte Gesamtschule (IGS) Hannover-Linden „Kleines Haus“. Denkmalpflegerischew Voruntersuchung (Auftraggeeber Stadthochbauamt Hannover) Hannover 2000, S. 11

[2] Immer wieder wird ein Zusammenhang zwischen Gründung der IGS Linden und dem Abbruchs des Kalkbrennerhäuschens hergestellt. Die Diskussion um das Kalkbrennerhaus war bereits lange vor dem Ratsbeschluss im Dezember 1969 zur Gründung einer IGS in Linden im Gange und der Abbruch  im Hochbauamt beschlossene Sache. Selbst die Tatsache, dass Geld vorhanden war, das historisch so wichtige Gebäude an anderer Stelle wieder aufzubauen, konnte die Bauverwaltung nicht umstimmen.