Stichpunkt

Ihme-Zentrum

Ihme-Zentrum

Brückenkopf der Moderne

von Wolfgang Becker

22-geschossige Türme über marodem Basement, 2015    Foto: Wolfgang Becker

Vom Schwarzen Bären bis zum Küchengarten erstreckt sich auf dem Gelände der ehemaligen Mechanischen Weberei und anderer Fabriken der gewaltige Baukörper des Ihmezentrums.  Das 1974 im Stil des Brutalismus eingeweihte Großprojekt galt seinen Befürwortern als städtebauliche Dominante und Brückenkopf der City in den zu sanierenden Stadtteil Linden. Der damalige Stadtbaurat Hanns Adrian war einer der ersten, der in der 20. Etage ein Penthouse mit Blick zur hannoverschen Innenstadt und bis zum Deister bezog. Für seine Gegner war das Projekt von Anbeginn an Sinnbild der spekulativen Zerstörung der durch die Industriegeschichte gewachsenen Strukturen. Mit seiner inzwischen abgerissenen Brücke zur Limmerstraße schien das Ihmezentrum den Arbeiterstadtteil wie mit einem Fangarm in die Moderne ziehen zu wollen.

Nach mehreren Wechseln der Mehrheitseigentümer verfällt das Großprojekt zusehends. Schon seit Jahren stellt es sich als Bauruine dar. Die Gewerbe- bzw. Handelsbereiche stehen komplett leer. Während Hunderte der kleinen Besitzer von insgesamt 543 Eigentumswohnungen um ihr Zuhause bangen, streiten hinter den Kulissen wechselnde Investoren um ihre Profite. Auf einer Zwangsversteigerung im Februar 2015 kam es zum bisher vorletzten Eigentümerwechsel: 16,5 Millionen Euro bezahlte die Projekt Steglitzer Kreisel Berlin Grundstücks-Gesellschaft – eine Objektgesellschaft der Berliner Newtown Property Management – an die Gläubiger um die Landesbank Berlin für 83 Prozent der Flächen des Ihme-Zentrums. Intown-Invest – so der neue Name von Newtown – hat sich auf Verwertungen von Großimmobilien spezialisiert. Die weltweiten Verbindungen des Unternehmens sind schwer nachvollziehbar.

Bis zum Frühjahr 2019 hat Intown außer Absichtsbekundungen nichts geliefert. Die Stadtwerke Hannover (enercity) haben daraufhin bereits 2017 den Mietvertrag für einen 22-geschossigen Büroturm gekündigt. Die Landeshauptstadt Hannover bleibt Ankermieter für Büroflächen, knüpft den Verbleib im Ihme-Zentrum aber an Sanierungsarbeiten, die bis zum Jahr 2021 durch Intown erfolgen sollen. Es war dann nicht weiter verwunderlich, dass Intown die Immobilie weiterverkaufte. Im März 2019 wird bekannt, dass die Mehrheitsanteile in dem Groß-Komplex an die Firma Sapinda von Lars Windhorst verkauft sind. „Ich mache das Ihmezentrum schön“, kündigt Hertha BSC-Eigner Windhorst vollmundig an. Doch bislang sind den schönen Worten keine Taten gefolgt.

Mittlerweile hat sich im Zentrum eine Zukunftswerkstatt etabliert. Ein Dokumentarfilm „Traum, Ruine, Zukunft“ würdigt Qualitäten und Entwicklungsperspektiven  des Gebäudes. Eine im Büroturm ansässige Arbeitsgruppe der Stadtverwaltung zur Vorbereitung der Bewerbung Hannovers zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 kann sich das Ihmezentrum als „Leuchtturm“ dieses Vorhabens vorstellen. Utopien gibt es viele, die Realität sieht bisher anders aus: Neben all dem Hype geht es beim morbiden Betonklotz offenbar vorrangig um’s Geschäft. Gibt es eine für den Stadtteil Linden attraktive Lösung für den Gebäudekomplex, oder bleibt nur der Abriss und anschließende Neugestaltung?

Bildergalerie zum Ihme-Zentrum    Fotos: Martin Tönnies